Ganz schön anstrengend, die Apfelernte

VON ANNE SPIES, aus der Bonner Rundschau, vom 28.09.06.

BONN: "Dass die Menschen in Brasilien zehn Stunden pflücken müssen und dafür nur fünf Euro bekommen, ist ziemlich doof", findet Anna. Die Viertklässlerin ist eine von 15 Schülern, die sich in einem Fairen-Handels-Projekt der Grundschule Buschdorf im Rahmen der Fairen Woche engagieren. In der Projektgruppe haben sie über die Agenda 21 gesprochen, über Kinderarbeit und die Orangenernte in Brasilien.

Auf dem benachbarten Apfelhof von Claus Josef Klein, erleben die Schüler nun am eigenen Leibe, wie anstrengend Erntearbeit ist. Anna beschränkt sich allerdings darauf, die Kellerasseln von den Äpfeln zu entfernen, denn sie ist die Einzige, die sich nicht vor den Insekten ekelt.

Schon nach einer Stunde macht sich Erschöpfung breit. "Meine Beine tun weh", klagt der zehnjährige Sven. "Arbeiten macht den Kindern in Brasilien bestimmt keinen Spaß". 250 Kilogramm Elstar sind die Ausbeute der Ernteaktion. Darüber würde ein brasilianischer Profi-Ernter nur lachen - 1700 Kilogramm Orangen schaffe ein einzelner Arbeiter pro Tag in zehn bis zwölf Stunden, berichtet Orangenbauer Claudemir Honório da Silva, der anlässlich der Fairen Woche nach Deutschland gekommen ist und nun den Buschdorfer Grundschülern nach der Pflückaktion Rede und Antwort steht.

"Gibt es auch auf Ihrer Plantage Kinderarbeit? Und wieviel verdienen die Erntehelfer?", wollen die Kinder wissen. Nein, Kinderarbeit gebe es bei den Orangenbauern schon lange nicht mehr, schwört da Silva, und 200 bis 250 Euro Lohn im Monat sind zwar für europäische Verhältnisse nicht viel, aber in Brasilien könne man davon leben. Zum Vergleich: Auf dem Apfelhof Klein verdient ein Erntehelfer 800 bis 1000 Euro.

Für die Grundschüler gibt es heute keinen Lohn. Sie sollen die Äpfel selber verkaufen. Der Erlös kommt einem Entwicklungsprojekt der Pfarrgemeinde Buschdorf in Namibia zugute. In der Siedlung Cattatora, wörtlich übersetzt: Ort, an dem keiner wohnen will, soll armen Kindern eine Schulbildung ermöglicht werden.

"Global denken, lokal handeln, das sollen die Kinder hier lernen", sagt Ines Ulbrich vom Amt für Umwelt, Verbraucherschutz und Lokale Agenda, die das Projekt von städtischer Seite betreut. "Und sie sollen erfahren, wo einzelne Produkte herkommen und was passiert, bevor sie bei uns im Supermarkt landen." Damit es nicht nur bei Äpfeln und Orangen bleibt, werden sich die Kinder am Samstag im Eine-Welt-Laden zum Frühstücken treffen und auch die anderen fair gehandelten Produkte kennen lernen.

Die Grundschüler dagegen beschäftigt eine ganz andere Frage viel mehr: "Warum sind die Brasilianer so gut im Fußball?", wollen sie zum Abschluss vom Orangenbauern wissen. Der lacht und zuckt mit den Schultern. Vielleicht liegt es an den vielen guten Vorbildern? Vielleicht liegt es aber auch einfach am frisch gepressten Orangensaft, denn in Brasilien, erfahren die Kinder, trinke niemand Orangensaft aus der Tüte.